Die Kampagne ist beim Heidesheimer Carneval Verein (HCV) vorbei. Doch wird der Narr sie im Rückblick in guter Erinnerung behalten. Der HCV hat sich auch im 88. Jahr seit der Gründung erneut als regionaler Hort der klassischen Mainzer Fastnacht bewährt. Das beste Beispiel ist die Große Sitzung, die im Schönborner Hof für beste Laune im Publikum sorgte. Zwischen die klassischen Elemente streute der HCV reichlich Lokalkolorit ein und gewährte satirische Seitenhiebe gegen die Nachbarn. Zugleich zelebrierte der Verein aber die Offenheit und legte fast einen roten Teppich für die Bühnengäste von auswärts aus.

Das ist nicht neu: Bei den HCV-Sitzungen kann der Narr sich ziemlich sicher sein, es werde wieder jemand dabei sein, der nicht aus der nahen Umgebung kommt. Das galt auch diesmal: Erneut war Rheinhessen zu Gast in Heidesheim: Beispielsweise die als Bienen umherschwirrenden Tänzerinnen von „Shining Motions“ aus Oppenheim in fabelhaften Kostümen, die Showtanzgruppe Ragazza aus Ebersheim, die Gardetanzformation Dancing Lights aus Großwinternheim und nicht zuletzt die Akrobatikshowgruppe vom SAV aus Mainz-Laubenheim. Die ordentliche Dosis Show mundete dem Publikum sehr, was sich am heftigen Applaus während und nach den Tanzdarbietungen ablesen ließ.


Den Vortragsreigen eröffnete Rainer Sänger. Der Bajazz vom HCV schaute in politisch-literarischer Manier sehr kritisch auf die Missstände in der Welt und vor Ort. Eine Kritikspitze adressierte er an die Ingelheimer Verwaltung. „Da wär es von der Stadt ganz nett, wenn jeder eine Info hätte. Ich frag‘ die Stadt, bitte sehr, / ist Kommunikation denn so schwer?“. Worum ging’s? Um deren Bauvorhaben in Heidesheim: „Der Dallas wird, so ist Stand heute, / dicht gemacht für ein halbes Jahr. Was das bedeutet, ist euch wohl klar: Fühlt’s auf der Autobahn mal krasser, / gibt’s hier im Örtchen nichts zu lachen.“
Politsatire mit Gitarrenbegleitung brachte Christoph Seib auf die Bühne. Für einen Zapfenstreich für Markus Söder dichtete er eine Werbung um: „Man schreibt dich, Maggus, mit zwei G / kerngesunder Landkaffee. Mein Gott, Maggus!“ In Sprecherstimmenmanier fügte Seib hinzu: „Vielleicht der bayerischste aller Landkaffee – Kann Spuren von Fleisch enthalten“. Sitzungspräsident Stephan Schmidt fragte bei Seib mit einem vermeintlichen Versprecher nach einer musikalischen Würdigung für den bald aus dem Amt scheidenden OB von Ingelheim, die man bei seiner Abschiedszeremonie spielen könnte; dieser hätte sich nämlich „in seiner Amtszeit Einiges geleistet“.


Zum Motto und zugleich mit einem klaren Appell auf den Lippen schlenderte „Sektion Tresen“ als „Sängerjugend“ durch die Kneipen in Heidesheim. Auf der Suche nach einem Stammtisch für sich stellten sie fest: „Noch e Kneipp weniger im Ort“. Bis sie die „frohe Botschaft“ erreichte: „Im Sportheim brennt noch das Licht“. Die Tristesse ist also doch nicht so trist. Ihr Fazit: „Geh nit fort – Bleib im Ort“. Das Publikum bejubelte sie genauso wie das Burgfräulein von der Burg Windeck alias Peter Winter: Seinem Kokolores-Vortrag applaudierte das Publikum im Minutentakt.
In die HCV-Bütt traten außerdem: Madlaine Wiese als Kammerjägerin, Marian Butscher als „Butsch der Jungreporter“ und Boris Feldmann, der sich als „Ein Mann auf der Suche“ nach seiner Braut umschaute. Die musikalischen Darbietungen waren gleichermaßen Highlights der Sitzung: Den Auftakt setzte Michael Weyers, der die Vereinsgeschichte mit einem Lieder-Potpourri wie „Humba“ illustrierte. Apropos Humba: Die gleichnamige Band um Thomas Neger brachte mit Musik vom Feinsten den Saal zum Feiern und Schunkeln, bevor die Formation Unstoppables das Finale einleitete.
Gregor Starosczyk-Gerlach
